Humboldt Forum
Menü
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Deutsches Historisches Museum, Berlin / A. Psille
Guten Tag

Guten Tag

Mitte der 1970er Jahre beauftragte die Regierung der DDR 16 etablierte Künstler mit Gemälden für die Galerie im Palast der Republik. Auch Wolfgang Mattheuer, einer der bekanntesten und eigenständigsten Maler der DDR, beteiligte sich an diesem Prestigeprojekt. Er steuerte jedoch ein Bild bei, das als Kritik an politischen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gedeutet werden kann.

Unter einem unwirklich weiten Himmel zeigt das Gemälde Guten Tag im Hintergrund eine bis zum Horizont reichende, lichtdurchflutete Landschaft, die auf den ersten Blick idyllisch wirkt. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Szenerie jedoch als ausufernde Industriestadt, die mit tiefen Abbaugruben, schornsteinbewehrten Fabrikarealen und breiten Straßen in die Landschaft ausgreift und deren natürliche Formation zerstört. Im schattigen Vordergrund posiert eine dreiköpfige Familie auf einem öden Stück Land. Ein üppig blühender Garten auf der anderen Seite eines dichten Lattenzauns ist für sie unerreichbar.

Kunst und Politik

Guten Tag zählt zu den Hauptwerken Wolfgang Mattheuers (1927–2004). Es zeugt vom zwiespältigen Verhältnis von Kunst und Politik in der Diktatur. Als Auftragswerk bediente es den Wunsch der politischen Führung nach Repräsentation und internationaler Geltung. Durch Art und Komposition seiner symbolisch aufgeladenen und mehrdeutigen Bildmotive lässt sich das Gemälde jedoch auch als Kritik an der politischen Situation und insbesondere am Gegensatz zwischen ideologischem Anspruch und Lebenswirklichkeit in der DDR deuten.

Kritik der Naturzerstörung

Es nur auf Kritik am politischen System und damals aktuellen Entwicklungen der DDR zu reduzieren, würde jedoch zu kurz greifen: Mit der Darstellung einer rücksichtslos ausufernden Industrialisierung schuf Mattheuer ein allgemeingültiges Signalbild für ähnliche Fehlentwicklungen an vielen Orten und weist damit auf das universelle Problem zunehmender Naturzerstörung durch den Menschen. Damit hat Guten Tag nichts von seiner Aktualität verloren. Nach der politischen Wende im Herbst 1989 beschreibt Mattheuer diesen Aspekt seines Gemäldes wie folgt:

„Ich sehe … schmerzlicher als manch anderer die Brutalität, mit der unsere Industrien sich ins Land breitfressen … Rücksichtsloser wie einst im 19. Jahrhundert … nur schlimmer noch, denn in unseren Jahren sind die Grenzen der Belastbarkeit der Natur und des Menschen deutlich geworden.“

Politische Selbstdarstellung

Darüber hinaus steht das Gemälde beispielhaft für eine wichtige Traditionslinie in der Geschichte dieses Ortes, der seit Jahrhunderten umfangreich mit bedeutenden Kunstwerken ausgestattet wurde und kulturellen Veranstaltungen einen festlichen Rahmen bot. Unabhängig von den politischen Konstellationen diente die Kunst dabei auch stets der politischen Selbstdarstellung. Nach der offiziellen Konzeption der Palast-Galerie sollten die Gemälde „die wachsende internationale Bedeutung der DDR in der Welt und die völkerverbindende Idee des Sozialismus unter besonderer Berücksichtigung der Freundschaft zur Sowjetunion“ zum Ausdruck bringen und zudem auch „die Möglichkeiten poetischer Aussage und den Reichtum malerischer Konzeptionen“ zeigen.

Kunst im Humboldt Forum

Die führt zur Frage, durch welche Bedingungen die künftig im Humboldt Forum präsentierte Kunst bestimmt wird und welchen Zweck Kunst am Bau, die von einer öffentlichen Institution beauftragt wird, im 21. Jahrhundert erfüllen soll. Wen oder was repräsentieren diese Kunstwerke und was lässt sich an ihnen über die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ablesen?

Das Gemälde Guten Tag gehört heute der Bundesrepublik Deutschland und wird seit 1995 in einem Depot des Deutschen Historischen Museums aufbewahrt. Alle 16 Gemälde aus dem Palast der Republik waren zuletzt gemeinsam 2017/18 in einer Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini zu sehen. Im Humboldt Forum wir es als eine von rund vierzig „Spuren“ gezeigt, die an überraschenden Stellen im ganzen Gebäude schlaglichtartig die vielfältigen Aspekte der Geschichte des Ortes beleuchten.

Zukünftig aus der Stiftung Deutsches Historisches Museum als Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland zur Geschichte des Ortes im 2. OG im Humboldt Forum.

Herkunft des Objektes
+


Das Gemälde Guten Tag von Wolfgang Mattheuer (1927 – 2004) war Teil der Gemälde-Galerie im Hauptfoyer des 1976 eröffneten Palastes der Republik. Im September 1990 wurde der Palast geschlossen. Am 23. März 1993 entschied ein gemeinsamer Ausschuss von Bundesregierung und Berliner Senat den Abriss des Gebäudes. Wolfgang Mattheuer berichtete, dass er sein Werk auf Grund einer an alle beteiligten Künstler gerichteten Anfrage habe zurückkaufen wollen, was jedoch abgelehnt wurde. Die Gemälde der Palast-Galerie gelangten in den Besitz der Bundesrepublik (gemäß Einigungsvertrag Art. 21) und werden seit 1995 in einem Depot des Deutschen Historischen Museums aufbewahrt. Im Februar 1996 präsentierte das Museum das Ensemble in einer vielbeachteten Ausstellung unter dem Titel Dürfen Kommunisten träumen? Bilder aus dem Palast der Republik für kurze Zeit im Südflügel des Zeughauses. Acht Gemälde der Palast-Galerie wurden 1999 in Weimar im Rahmen der Ausstellung Offiziell/Inoffiziell ausgestellt. Seitdem waren nur noch gelegentlich einzelne Werke der Bildergruppe in Ausstellungen zu sehen. Im Zuge der Vorbereitung einer umfassenden Präsentation aller Werke im Museum Barberini, Potsdam, 2017/2018, wurden sämtliche Gemälde aufwendig gereinigt und restauriert.

Guten Tag
Veranstaltung (21. März 2019)
+


Internationale Expertinnen und Experten, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Beteiligte des Humboldt Forums sprachen über spannende Geschichten aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen, aktuelle Forschungsergebnisse und persönliche Erfahrungen zu überraschenden, teils verblüffenden Erzählungen.

Gespräch #6
Auftrag – Kunst – Freiheit
21. März 2019, 19:30 Uhr
ESMT, Auditorium Maximum

Humboldt Forum Highlights
+


Die ersten 15 Highlights des Humboldt Forums wurden in zwei Formaten von Oktober 2018 bis Mai 2019 vorgestellt – in einer Ausstellungen sowie in Gesprächen an unterschiedlichen Orten in Berlin. Die Ausstellung auf der Museumsinsel wurde bis Ende September 2019 verlängert.

Mehr Informationen ►